Bensheim | 5. Mai 2026 Mit einem Moment, der eigentlich ganz unspektakulär begann, nahm eine besondere Geschichte ihren Lauf: Als das Team des Stadtarchiv Bensheim im vergangenen Dezember bei einer Fortbildung in Wiesbaden Platz nahm, ahnten weder Leiterin Claudia Sosniak noch ihre Mitarbeiterinnen Daniela Druschel und Ingrid Krämer-Wick, dass dieser Tag mit einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk enden würde.
Erst am Ende des Seminars lüftete Dr. Peter Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden und Vorsitzender des Landesverbands Hessen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, das Geheimnis – und sorgte für überraschte Gesichter: Das Stadtarchiv Bensheim erhält den Hessischen Archivpreis 2025. Die spontane Freude war groß, der Sekt schnell organisiert. Nun wurde diese besondere Ehrung auch offiziell gefeiert: Im Magistratssaal der Stadt Bensheim fand am Donnerstag die feierliche Preisverleihung statt.
Der Hessische Archivpreis wird seit 2005 von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen jährlich vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert. Er würdigt Archive, die nach hohen fachlichen Standards arbeiten und sich in besonderer Weise für die Sicherung, den Erhalt und die Zugänglichkeit von Archivgut einsetzen – unabhängig von ihrer Trägerschaft.
Bürgermeisterin Christine Klein stellte in ihrer Rede im Rathaus die zentrale Rolle des Stadtarchivs für das kulturelle Selbstverständnis der Stadt heraus. Das vielfach verbreitete Bild vom „staubtrockenen Archiv“ sei längst überholt: „In Bensheim wird Geschichte nicht nur bewahrt, sondern aktiv erschlossen, vermittelt und für unterschiedlichste Fragestellungen zugänglich gemacht. Das Stadtarchiv ist damit ein lebendiger Ort, an dem Vergangenheit greifbar wird und in die Gegenwart hineinwirkt.“
Als „Gedächtnis der Stadt“ halte das Archiv fest, was Bensheim ausmacht – von politischen Entscheidungen über gesellschaftliche Entwicklungen bis hin zu den vielen großen und kleinen Geschichten aus den Stadtteilen. Gleichzeitig sorge es dafür, dass dieses Wissen dauerhaft erhalten bleibt und sowohl Verwaltung als auch Forschung und Bürgerschaft zuverlässig darauf zugreifen können. Wie wichtig diese Arbeit im Alltag ist, zeigt sich unter anderem in den jährlich rund 2.200 Rechercheanfragen sowie in der engen Zusammenarbeit mit Schulen, die das Archiv regelmäßig als außerschulischen Lernort nutzen.
Die Auszeichnung mit dem Hessischen Archivpreis komme daher nicht überraschend, „sondern bestätige die seit Jahren geleistete, hochprofessionelle Arbeit. Das Team verbindet fachliche Exzellenz mit großer Leidenschaft und entwickelt das Archiv kontinuierlich weiter – etwa durch Digitalisierung, systematische Dokumentation und innovative Projekte“, verdeutlichte Christine Klein.
Zugleich sei der Preis nicht nur Anerkennung, sondern auch Ansporn: Das Stadtarchiv werde seinen Weg als moderner, offener Ort der historischen Bildung fortsetzen, die Chancen der Digitalisierung nutzen und die Geschichte der Stadt auch für kommende Generationen lebendig halten. Die Auszeichnung bestätige eindrucksvoll das langjährige Engagement des Teams um Leiterin Claudia Sosniak sowie ihrer Mitarbeiterinnen Daniela Druschel und Ingrid Krämer-Wick.
„Wie soll man wissen, wer man ist, wen man nicht weiß, woher man kommt“, bemerkte Dr. Michael Meister. Der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Kanzleramt hatte als Pate das Stadtarchiv für den Preis vorgeschlagen. In seiner Laudatio merkte er an, dass „wir alle gemeinsam stolz sein können auf die Arbeit im Stadtarchiv“. Er blickte kurz auf seinen Erstkontakt mit dem Gedächtnis der Stadt zurück. Dabei ging es um eine Recherche für ein Buch, das die Stadtteildokumentation Zell veröffentlichen wollte. „Damals habe ich gemerkt: Wir haben hier eine Schatzkammer, auf die man zugreifen kann.“ Neben dem Bewahren sei allerdings der Zugang für die Bürgerinnen und Bürger genauso wichtig. Und in diesem Punkt hat sich das Stadtarchiv unter der Leitung von Claudia Sosniak auch digital geöffnet. „Das ist eine moderne Form der Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert“, würdigte der Bergsträßer Bundestagsabgeordnete.
„Erfolge wie diese sind immer Teamarbeit“, konstatierte Fachbereichsleiter Thomas Herborn. Der gute Ruf des Stadtarchivs reiche weit über die Stadtgrenzen hinaus. So gesehen war die Auszeichnung für ihn nach eigenem Bekunden keine Überraschung. „Solche Leistungen kann nur erbringen, wer seine Arbeit liebt“, so Herborn. Als persönliches Zeichen der Wertschätzung möchte er das Team zum Essen einladen.
Dr. Peter Quadflieg hielt die Laudatio im Magistratssaal. „Archive begreifen wir schon längst nicht mehr als stille Hüter der Vergangenheit. Vielmehr haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten zu modernen, professionellen und vor allem serviceorientieren Institutionen gewandelt.“ Sie fungieren als zeitgemäße Vermittler historischer Bildung, die direkt in ihr gesellschaftliches Umfeld hineinwirkt, so der Historiker. Kommunale wie staatliche Archive seien so zu einem Fundament für Transparenz, Rechtssicherheit und die kulturelle Identität geworden.
Als ersten wichtigen Grund für die Auszeichnung des Stadtarchivs, die einstimmig von einem fachkundigen Auswahlgremium beschlossen wurde, nannte Dr. Quadflieg die großen fachlichen Fortschritte, die das engagierte Team in den vergangenen Jahren erreicht hat. In Bensheim habe man die „archivischen Altlasten“, die meist seit Jahrzehnten bestehen, mit „beeindruckender Konsequenz abgearbeitet. „Sie haben Ordnung in Provisorien geschaffen und Bestände erschlossen und somit der Forschung und der Bürgerschaft erst wirklich zugänglich gemacht.“
Ein zweiter wichtiger Anlass: Das herausragende Engagement des Teams im Bereich der Notfallvorsorge – und zwar nicht nur auf Bensheim, sondern auf den Kreis bezogen. „Sie haben erkannt, dass man in der Not nicht alleine bestehen kann, und die Initiative ergriffen.“ Dies sei ein Musterbeispiel für proaktives Risikomanagement und zeigt, dass das Stadtarchiv Bensheim Verantwortung für den Schutz für sein Kulturgut übernimmt. Darüber hinaus besticht das Stadtarchiv, so der Vorsitzende, durch seine initiative und exzellente archivfachliche Vernetzung. Die Verleihung des Archivpreises ist daher weit mehr als eine formale Geste. „Sie ist eine Anerkennung für die vielen Stunden harter Arbeit.“
Die stellvertretende Geschäftsführerin der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Nicole Schlabach, hob hervor, dass sich Bensheim in einem starken Bewerberfeld durchgesetzt habe. Das Archiv überzeugte insbesondere durch seine konsequente Weiterentwicklung, seine fachliche Qualität und seine große Offenheit gegenüber der Öffentlichkeit.
In einer persönlichen Dankesrede erinnerte Archivleiterin Claudia Sosniak an die großen Herausforderungen der vergangenen Jahre. So mussten unter anderem umfangreiche Bestände, die nach Schimmelbefall in rund 550 Kartons auf 61 Paletten ausgelagert worden waren, gesichert, aufgearbeitet und wieder zugänglich gemacht werden. „Das war harte Arbeit, das haben wir gemeinsam bewältigt“, betonte sie, verbunden mit einem großen Dankschön an Daniela Druschel und Ingrid Krämer-Wick. Die Auszeichnung sei eine große Motivation, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und das Archiv weiterzuentwickeln. Und wie das 5000 Euro Preisgeld eingesetzt wird, darüber hat sich das Trio ebenfalls schon Gedanken gemacht – natürlich zum Wohl des Archivs und der Bürgerinnen und Bürger, die auf das Gedächtnis der Stadt digital oder vor Ort zugreifen möchten. Konkret soll es vor allem in die Digitalisierung von Gegenständen fließen, für die keine Hardware verfügbar ist – wie etwa Kassetten und Filme.
Hintergrund:
Die Geschichte des Stadtarchivs Bensheim beginnt im 15. und 16. Jahrhundert, als die städtische „Repositur“ noch in einer verschlossenen Kiste in der Ratsstube verwahrt wurde. Später wurden die Unterlagen auf den Dachböden des Rathauses und der Schulen gelagert. 1822 entstand auf Beschluss des Gemeinderates ein erstes, allerdings unvollständiges Inventarverzeichnis mit 145 Nummern.
Im 19. Jahrhundert wurden die unzureichenden Lagerungsbedingungen verstärkt kritisiert, besonders 1853 durch den Heimatforscher Joseph Heckler. Mit dem Denkmalschutzgesetz des Großherzogtums Hessen von 1902 sowie weiteren Bestimmungen von 1913 und 1947 erhielt die Archivpflege erstmals einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen. Zwischen 1906 und 1907 ordnete Karl Henkelmann verstreut gelagerte Archivalien, und 1914 wurde das erste städtische Archiv in der „Mehlwaage“ am Marktplatz eingerichtet.
Der Rathausbrand im März 1945 ließ den Archivbestand zwar unversehrt, brachte ihn jedoch vollständig durcheinander. Ab 1947 übernahm der Lehrer Richard Matthes ehrenamtlich die Leitung des Archivs und begann mit dessen Wiederaufbau. Im Jahr 1953 zog das Archiv in das städtische Anwesen „An der Stadtmühle 3“ um, ergänzt durch einen zusätzlichen Lagerraum in der „Alten Faktorei“. 1980 folgte eine Erweiterung mit der ersten Kompaktusanlage, die über 1.000 Regalmeter umfasste.
Im Jahr 2000 wurde das Archiv schließlich in die „Alte Post“ in der Darmstädter Straße 8 verlegt. Dort standen im Obergeschoss sowie in den Kellerräumen mehr als 2.000 Regalmeter Archivgut zur Verfügung. Inzwischen verfügt das Archiv über ein vollständig neues Magazin sowie klimatisierte Lagerräume im Erdgeschoss.
Rechtlich wurde die Arbeit des Archivs durch das gesamthessische Denkmalschutzgesetz von 1974 sowie dessen Überarbeitungen in den Jahren 1986 und 2016 weiter gefestigt. Heute bildet das Hessische Archivgesetz die zentrale Grundlage für die Arbeit der hessischen Archive und damit auch für das Stadtarchiv Bensheim. Es regelt verantwortungsvoll die Sicherung, Erhaltung und Nutzung des städtischen Archivguts.

