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Demokratie von klein auf

Bensheim | 26. Juni 2026 Wie fühlt es sich an, wenn jemand anderes bestimmt, wer lernen darf und wer nicht? Warum ist es wichtig, dass jede Stimme zählt? Und wie löst man Streit, ohne dass immer der Stärkere gewinnt? Mit genau diesen Fragen beschäftigten sich die Vorschulkinder der Kita Berliner Ring in den vergangenen Monaten intensiv im Rahmen eines Demokratieprojekts.

Immer freitags und in zwei Gruppen aufgeteilt vermittelten Kitaleiter Ralph Gettel und Erzieherin Jasmin Pahlke den Kindern spielerisch gewichtige Themen wie Vielfalt, Mitbestimmung, Konfliktlösung und Wahlen.

„Kinder erleben jeden Tag Gemeinschaft – beim Spielen, Teilen, Streiten und Vertragen. Genau dort beginnt Demokratie“, erklärt Ralph Gettel und ergänzt: „Wenn Kinder früh lernen, dass jede Meinung zählt, Unterschiede normal sind und Konflikte friedlich gelöst werden können, stärkt das nicht nur die Kinder selbst, sondern auch unser gesellschaftliches Zusammenleben.“

Unterschiede entdecken – und Gemeinsamkeiten finden

Wie selbstverständlich Kinder dabei bereits Vielfalt wahrnehmen und einordnen, zeigte sich besonders eindrucksvoll in einem der ersten Projektbausteine. Unter dem Thema „Vielfalt“ stellten sich jeweils zwei Kinder gemeinsam vor einen Spiegel. Zusammen überlegten sie: Wo sind wir gleich? Wo unterscheiden wir uns? Gemeinsamkeiten wurden auf gelben Karten gesammelt, Unterschiede auf grünen.

Schnell wurde deutlich: Manche Kinder haben unterschiedliche Haar- und Hautfarben, andere leben in verschiedenen Familienkonstellationen, haben andere Hobbys oder Glaubensrichtungen. Und trotzdem verbindet sie vieles.

„Ich mag Fußball und sie mag Malen – aber wir mögen beide Eis“, stellte ein Kind lachend fest. Jasmin Pahlke betont dabei: „Kinder erleben Vielfalt ganz selbstverständlich. Entscheidend ist, dass sie lernen, Unterschiede wertzuschätzen und respektvoll miteinander umzugehen.“

Kinderrechte: „Das Recht auf Spielen!“

Ein weiterer Schwerpunkt war das Thema Kinderrechte. Die Vorschulkinder lernten, dass jedes Kind Rechte hat – unabhängig davon, wo es lebt oder wie es aussieht. Besprochen wurden unter anderem das Recht auf einen Namen, auf Fürsorge, Bildung, Freizeit, Privatsphäre und die eigene Meinung. Besonders eindrucksvoll war für die Kinder die Erkenntnis, dass nicht alle Kinder weltweit die gleichen Chancen haben. So erklärte Ralph Gettel beispielsweise, dass es Länder gibt, in denen Mädchen nicht zur Schule gehen dürfen – und verdeutlichte dies mit dem herausfordernden Satz:

„Alle Mädchen raus – ihr dürft heute nichts lernen!“ Damit provozierte der Kitaleiter ganz unvermittelt das Gerechtigkeitsempfinden der Kinder in Form von empörten Reaktionen: „Das ist unfair!“ – „Mädchen dürfen genauso lernen!“

Auch das Thema Kinderarbeit bewegte die Fünf- bis Sechsjährigen. Dass Spielen keine Selbstverständlichkeit ist, überraschte viele. Umso eindeutiger fiel am Ende die Antwort der Kinder auf die Frage aus, welches Recht für sie das wichtigste sei: „Das Recht auf Spielen!“ Damit griffen die Kinder ganz intuitiv einen zentralen Gedanken der UN-Kinderrechtskonvention auf: Denn Spiel und Freizeit sind wichtige Bestandteile einer gesunden Entwicklung.

Streit gehört dazu – Lösungen auch!

Dass Demokratie auch bedeutet, Konflikte fair zu lösen, lernten die Kinder beim Thema Meinungsverschiedenheiten und Konflikte. Mithilfe eines sogenannten Konfliktteppichs übten sie, Streitigkeiten ohne Gewalt und ohne Machtgefälle zu begegnen.

Die Kinder brachten eigene Beispiele mit: Wer darf das Bonbon haben? Wer darf zuerst mit dem Piratenschiff spielen? Und wer darf zu Hause von den Geschwisterkindern zuerst mit Mama kuscheln? Die Lösung eines Kindes sorgte dabei für Schmunzeln: „Wir kuscheln einfach beide gleichzeitig mit der Mama!“

Doch die Kinder merkten auch: Gute Lösungen zu finden, ist gar nicht so leicht. In Rollenspielen übernahmen sie unterschiedliche Funktionen – Streitende oder Schiedsrichter – und suchten gemeinsam nach Kompromissen. „Schlimm ist es, wenn der Streit niemals aufhört“, brachte es ein Mädchen auf den Punkt.

Dabei lernten die Vorschulkinder auch Strategien zur Deeskalation kennen: tief durchatmen, eine Pause machen oder eben gemeinsam auf den Konfliktteppich gehen.

Demokratie erleben – mit einer echten Wahl

Ein Höhepunkt des Projekts war das Thema Demokratie und Wahlen. Ausgangspunkt war das Buch „Wer bestimmt auf unserem Hof?“, das erzählt, wie Tiere nach dem Tod des Bauern lernen müssen, gemeinsam faire Entscheidungen zu treffen.

Zusammen mit Ralph Gettel und Jasmin Pahlke erarbeiteten die Kinder daraus drei zentrale Regeln für das Zusammenleben: Alle Menschen sind gleich. Alle müssen sich an die Regeln halten. Alle dürfen ihre Meinung sagen.

Anschließend wurde Demokratie ganz praktisch erlebt. Zunächst stimmten die Kinder darüber ab, welchen Nachtisch es geben soll: Schokopudding oder Griesbrei. Das Ergebnis war eindeutig: 16 Stimmen für Schokopudding, vier für Griesbrei.

Doch die Kinder dachten bereits weiter. Einige schlugen vor, jede Kitagruppe könne an einem festen Tag den Nachtisch bestimmen. Andere wollten Vertreterinnen und Vertreter wählen.

Genau das richtige Stichwort: Denn am Ende stand die Wahl einer Vertretung für alle Vorschulkinder der Kita Berliner Ring an.

Fünf Kinder reichten dabei ihre Kandidatur ein und wurden befragt, warum sie gewählt werden sollten. „Weil ich gut beschützen kann.“ „Weil ich lustig bin.“ „Weil ich gut klettern kann“, erklärte ein Kandidat dabei stolz. Begriffe wie Wahlwerbung und Wahlprogramm wurden dabei spielerisch eingeführt.

Mit Wahlzetteln und einer geheimen Stimmabgabe schritten die Kinder schließlich zur Wahl in die Kabine. Die Auszählung nach dem Vier-Augen-Prinzip ergab schließlich folgendes Ergebnis: Mit zehn Stimmen, also satten 50 Prozent, wurde Amelie zur Vertreterin aller Vorschulkinder gewählt. Noch kurz vor der Wahl hatte sie überlegt, ihre Kandidatur zurückzuziehen – doch nachdem ihr Sieg feststand, nahm sie stolz und glücklich unter großem Jubel der anderen Kinder die Wahl an.

Für die Kita Berliner Ring zeigt das Projekt eindrucksvoll, wie wichtig politische und soziale Bildung bereits im frühen Kindesalter ist. „Demokratie muss erlebt werden, nicht nur erklärt“, so Ralph Gettel und Jasmin Pahlke. „Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen, zuzuhören, Kompromisse zu finden und ihre Meinung zu äußern. Das sind Fähigkeiten, die sie ein Leben lang brauchen.“

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