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Sieben Stühle für Männer, drei für Frauen: Aktionstag #ParitätJetzt macht politische Ungleichheit sichtbar

Bensheim | 7. Juli 2026 Manchmal braucht es keine langen Reden, sondern lediglich zehn Stühle. Sieben davon waren beim Aktionstag #ParitätJetzt in der Bensheimer Fußgängerzone für Männer reserviert: Ein Auszubildender der Stadt breitete sich symbolisch immer wieder darauf aus. Für die drei weiblichen Auszubildenden der Stadt blieben nur die drei restlichen Plätze übrig. Das Bild war eindeutig. So sieht – vereinfacht dargestellt – die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag aus: Von echter Gleichberechtigung noch immer keine Rede.

Die Botschaft der Aktion war ebenso einfach wie unbequem: Frauen stellen 51 Prozent der Bevölkerung. Doch wenn politische Entscheidungen getroffen werden, bleiben ihre Stimmen vielerorts in der Minderheit. Beim Aktionstag #ParitätJetzt in Bensheim, den Bürgermeisterin Christine Klein gemeinsam mit den Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Kerstin Hundsdorf und Marion Vatter initiiert hatte, ging es daher nicht um eine Quote als reiner Selbstzweck. Sondern um die einfache Frage: Warum entscheiden überwiegend Männer über eine Gesellschaft, die zur Hälfte aus Frauen besteht?

Bürgermeisterin Christine Klein machte in diesem Zusammenhang deutlich, warum ihr die Aktion ein persönliches Anliegen ist: „Frauen müssen dort vertreten sein, wo Entscheidungen getroffen werden – nicht irgendwann, sondern ganz selbstverständlich. Themen, die uns alle als Gesellschaft betreffen, müssen auch von Frauen eingebracht und mitgestaltet werden. Wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiblich ist, diese Perspektive in vielen Parlamenten aber fehlt, dann stimmen die Strukturen nach wie vor noch nicht. Umso wichtiger ist es, Frauen gezielt anzusprechen, zu ermutigen und ihnen damit den Weg in die politische Verantwortung zu erleichtern.“

Bensheim setzt hierbei bereits ein starkes Zeichen. In der Stadtverordnetenversammlung sind 23 der 45 Sitze mit Frauen besetzt – ein positives Beispiel dafür, dass politische Gremien die Gesellschaft durchaus ausgewogen widerspiegeln können. Bundesweit ist dieses Ziel jedoch noch längst nicht erreicht.

Wie groß das Interesse an diesem Thema ist, zeigte sich unmittelbar vor Ort. Noch während des Aufbaus des Informationsstands vor dem Haus Fleck blieben die ersten Passantinnen und Passanten neugierig stehen. Im Laufe des Tages entwickelten sich rund 60 intensive Gespräche – mit Frauen und Männern, jungen und älteren Menschen. Viele erzählten persönliche Geschichten, berichteten von Benachteiligungen im Berufsleben oder davon, wie selbstverständlich Frauen noch immer den größten Teil der Sorgearbeit übernehmen.

Die Themen gingen weit über die Politik hinaus. Eine Besucherin erinnerte an ihre Großmutter, eine Trümmerfrau: „Wir Frauen haben das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut. Die Männer waren verwundet, traumatisiert oder verstorben. Die Frauen von damals sind über sich hinausgewachsen. Diese besondere Willenskraft haben Frauen bis heute – nur scheint die Gesellschaft sie den Frauen nicht mehr zuzutrauen.“

Eine andere Frau erzählte von ihrem Berufsleben. Jahrzehntelang habe sie sich stärker beweisen müssen als ihre männlichen Kollegen, sei bei der Vergabe von Führungspositionen immer wieder übergangen worden und habe schließlich trotz Führungsverantwortung rund 30 Prozent weniger verdient als ihre männlichen Kollegen. Besonders traurig stimme sie, dass ihre Tochter heute ähnliche Erfahrungen mache. „Die gläserne Decke gibt es noch immer.“

Auch alltägliche Benachteiligungen kamen zur Sprache. So berichtete eine Landwirtin, dass Kundinnen und Kunden an ihrem Verkaufsstand häufig den männlichen Mitarbeiter nach dem Anbau ihrer Produkte fragten – obwohl sie selbst den Betrieb aufgebaut habe.

Andere Frauen schilderten, dass Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und Haushalt nach wie vor überwiegend an ihnen hängen bleiben. Die Folge seien Teilzeit, geringere Rentenansprüche und nicht selten Altersarmut. Die Organisatorinnen hörten an diesem Tag daher mehrfach einen Satz, der sie besonders bewegte: „Danke, dass Sie heute hier stehen und für uns Frauen einstehen.“

Dass das Thema längst nicht nur Frauen bewegt, zeigte sich ebenfalls besonders deutlich an der Aussage eines Besuchers: „Ohne eine ausreichende Beteiligung von Frauen bei politischen Entscheidungen gibt es keine gerechte Demokratie in unserem Land.“ Ein anderer stellte fest, dass sich die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Politik und Arbeitswelt sogar rückentwickelt habe und ergänzte: „Ich dachte, beim Thema Gleichberechtigung sei unser Land schon viel weiter“.

Für Kerstin Hundsdorf spiegelten diese Begegnungen und Aussagen Ziel und Botschaft des Aktionstags wider: „Die Offenheit der Menschen hat uns beeindruckt“, sagt die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bensheim. „Viele kamen gezielt zu uns, wollten ihre Erfahrungen schildern oder einfach Danke sagen. Das zeigt, wie groß der Gesprächsbedarf beim Thema Gleichberechtigung nach wie vor ist. Wer glaubt, das Thema sei erledigt, hat an diesem Tag das Gegenteil erfahren.“

Ganz in diesem Sinne hat der Aktionstag einmal mehr gezeigt: Gleichberechtigung ist kein Kapitel, das längst abgeschlossen ist. Sie entscheidet darüber, wessen Erfahrungen gehört werden, wer Prioritäten setzt und wer die Zukunft mitgestaltet. „Solange Frauen in politischen Gremien, Führungspositionen oder anderen entscheidenden Bereichen nicht gleichberechtigt vertreten sind, bleibt Demokratie unvollständig“, so Bensheims Bürgermeisterin Klein resümierend.

Zur Initiative #ParitätJetzt
Die Initiative #ParitätJetzt setzt sich bundesweit für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ein. Ziel ist eine paritätische Besetzung von Parlamenten und Gremien, damit die Vielfalt der Bevölkerung auch dort sichtbar wird, wo Entscheidungen getroffen werden. Denn Demokratie lebt von unterschiedlichen Perspektiven – und davon, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, Verantwortung zu übernehmen und ihre Gesellschaft mitzugestalten.

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