Bensheim | 11. September 2026 Die Tür steht offen. Nicht zufällig, nicht nur an diesem Vormittag – sondern ganz bewusst. Wer etwas auf dem Herzen hat, eine Frage klären möchte oder einfach kurz hereinschauen will, soll hereinkommen können. „Gute Kommunikation“ ist für Anja Vogt, die neue Leiterin des Eigenbetriebs Kinderbetreuung in Bensheim, mehr als ein Schlagwort. Sie ist für die Diplom-Verwaltungswirtin die Grundlage dafür, dass ein großer Betrieb mit vielen Mitarbeitenden, Einrichtungen und unterschiedlichen Herausforderungen überhaupt gut funktionieren kann.
Auf ihrem Schreibtisch liegt derweil schon genug Stoff für die nächsten Wochen und Monate: unter anderem der neue Bedarfs- und Entwicklungsplan für die Bensheimer Kindertagesstätten. Viele Zahlen, Prognosen und Handlungsempfehlungen – und dahinter ganz konkrete Fragen: Wo werden künftig Betreuungsplätze gebraucht – und wie viele? Wie lässt sich der Bedarf mit den vorhandenen Ressourcen decken? Und wie kann Kinderbetreuung angesichts des Fachkräftemangels verlässlich organisiert werden?
Es sind große Themen, um die sich die neue Eigenbetriebsleiterin kümmern muss. Doch bevor sie sich in Zahlen, Plänen und Konzepten vertieft, setzt sie auf etwas, das unmittelbar vor ihrer Bürotür beginnt: den direkten Austausch mit den Mitarbeitenden in der Verwaltung und den Kindertagesstätten. Ihre Tür steht offen – und das ist bei ihr tatsächlich Programm. „Mir sind meine Leute am wichtigsten“, betont Anja Vogt. Ein Satz, der ziemlich genau beschreibt, mit welcher Haltung sie ihren neuen Job angeht.
Seit Mitte August ist Vogt für den Eigenbetrieb Kinderbetreuung der Stadt Bensheim verantwortlich. Hinter ihr liegen sechs Jahre als Bürgermeisterin von Groß-Bieberau. Nun ist sie für eines der gesellschaftlich wichtigsten kommunalen Themen zuständig: die Betreuung von Kindern.
Der Eigenbetrieb ist seit 2011 für die Planung und Organisation der Kinderbetreuung in Bensheim zuständig. Er ist Träger von sechs städtischen Kindertagesstätten und zugleich Kooperationspartner der freien Träger. Insgesamt gibt es in Bensheim 29 Einrichtungen unterschiedlicher Trägerschaften mit etwa 2000 Betreuungsplätzen für Kinder bis zum Schuleintritt.
Für Vogt ist das ein „spannendes Betätigungsfeld“. Politik und Verwaltung treffen hier auf Eltern und Kinder, pädagogische Fachlichkeit auf Organisation und Finanzen. „Wir haben die Politik, wir haben die Verwaltung, wir haben die Eltern, wir haben die Erzieherinnen und Erzieher“, verdeutlicht sie. Dazu komme das „Verwaltungsauge“. Ein Feld also, in dem viele Perspektiven zusammenkommen – und entsprechend viele Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen.
Anja Vogt ist noch nicht lange im Amt, aber sie hat schon zuvor damit begonnen, sich ein Bild vom Eigenbetrieb zu machen. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei: Gespräche. Mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung, mit den Kita-Leitungen und ebenso mit den freien Trägern.
Sie möchte wissen, wer ihr gegenübersitzt, welche Erfahrungen und Erwartungen die Menschen mitbringen und wo es vielleicht hakt. „Ich möchte ein Gespür bekommen für mein Gegenüber“, sagt sie.
Schon vor ihrem offiziellen Amtsantritt hatte Vogt deshalb Kontakt zu ihrem Vorgänger Armin Zeißler aufgenommen. Mehr als zweieinhalb Stunden saßen die beiden zusammen. Was läuft gut? Wo knirscht es? Welche Themen warten? Für Vogt ein wichtiger Auftakt. Ihr erster Eindruck: ein „tolles Team“ und eine hohe Qualität in den Kitas.
Auch ihr Führungsverständnis ist dabei schnell erklärt: „Alle mitnehmen, keine einsamen Entscheidungen treffen.“ Beteiligung und Verlässlichkeit gehören für sie zusammen. Und wenn es Konflikte gibt, sollen diese nicht ausgesessen werden. „In Konflikte reingehen, nicht so tun, als würde man sie nicht mitbekommen“, lautet ihre Devise.
Dazu gehört für Vogt auch eine gute Fehlerkultur. Wer Verantwortung übernehmen soll, müsse Fehler machen dürfen. Als Bürgermeisterin habe sie nach Veranstaltungen oder Sitzungen deshalb regelmäßig mit den Beteiligten besprochen: Was lief gut? Was lief nicht gut? Was können wir beim nächsten Mal besser machen? „Wenn meine Leute sich nicht darauf verlassen können, dass sie Fehler machen dürfen, dann werden sie sich nicht trauen, Entscheidungen zu treffen“, erläutert sie.
Dass sie sich mit Verwaltung bestens auskennt, kommt nicht von Ungefähr. Die Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder ist Diplom-Verwaltungswirtin und war viele Jahre beim Regierungspräsidium Darmstadt tätig, unter anderem in den Bereichen Einbürgerung, Soziales, Integration und Flüchtlingsangelegenheiten. Von 2016 bis 2020 leitete sie dort ein Team, das hessenweit für die Personalkostenerstattung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig war. Parallel vertiefte sie ihre Kenntnisse mit einem Masterstudium im Bereich Public Management. 2020 kandidierte sie erfolgreich als Bürgermeisterin in der Gemeinde Groß-Bieberau im Kreis Darmstadt-Dieburg.
In Bensheim wartet nun eine andere, aber nicht weniger komplexe Aufgabe. Die Kinderbetreuung steht vor der Herausforderung, Qualität, Bedarf und Kosten miteinander zu verbinden. Die Kinderzahlen gehen zurück. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die Kosten im gleichen Maß sinken. Gebäude müssen weiterhin unterhalten werden, Personalschlüssel lassen sich nicht beliebig anpassen. Gleichzeitig müsse man die finanzielle Situation der Kommune im Blick behalten, so Anja Vogt.
Für sie geht deshalb beides zusammen: die Qualität der Betreuung und die wirtschaftliche Verantwortung. Entscheidungen dürften nicht allein mit einem Eurobetrag begründet werden. Umgekehrt könne man aber nicht so tun, als spielten Kosten keine Rolle. Schließlich bewegt sich der Verlustausgleich, der aus dem städtischen Haushalt in den Eigenbetrieb fließt, in einer Größenordnung von rund 20 Millionen Euro.
Steigende Ausgaben und sinkende Kinderzahlen – auch deshalb muss über Veränderungen bei Gruppen oder Standorten gesprochen werden. Dass solche Diskussionen emotional werden können, ist ihr bewusst. Gerade deshalb müsse man die Betroffenen frühzeitig einbinden und erklären, warum Veränderungen notwendig sein könnten und welche Chancen darin liegen.
Der neue Bedarfs- und Entwicklungsplan liefert dafür eine wichtige Grundlage. Doch auch darüber hinaus stehen bereits Themen auf ihrer Liste: Hitzeschutz in den Einrichtungen, die Sanierung und Weiterentwicklung von Kita-Gebäuden, Vertragsfragen und die veränderten Rahmenbedingungen bei der Integration.
Die Zukunft kirchlicher Liegenschaften beschäftigt den Eigenbetrieb ebenfalls. Welche Gebäude können oder müssen künftig von der Stadt übernommen werden? Was ist wirtschaftlich und rechtlich sinnvoll? Fragen, auf die es selten einfache Antworten gibt.
Die gebürtige Darmstädterin weiß, dass sie dabei nicht alles selbst lösen wird. Gerade deshalb setzt sie auf das Wissen ihres Teams. Die pädagogische Expertise der Kolleginnen und Kollegen ergänzt ihre eigene Verwaltungs-, Führungs- und betriebswirtschaftliche Erfahrung.
Der Wechsel aus dem Bürgermeisteramt in die Leitung eines Eigenbetriebs ist für Vogt ein bewusster Schritt. Nach sechs intensiven Jahren an der Rathausspitze von Groß-Bieberau hatte sie entschieden, nicht erneut anzutreten.
Leichtgefallen ist ihr das nach eigenem Bekunden nicht. Das Bürgermeisteramt ist für sie eine Herzensangelegenheit gewesen. Sie habe die Aufgabe mit großer persönlicher Energie ausgefüllt. Gleichzeitig habe sie gespürt, dass es Zeit sei, innezuhalten und einen neuen Weg einzuschlagen.
Auf ihre Amtszeit blickt Anja Vogt mit Dankbarkeit zurück. Besonders die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung habe sie geprägt. Das Engagement und die gute Zusammenarbeit seien für sie wichtige Erfahrungen gewesen.
Der Schritt nach Bensheim ist deshalb kein Abschied von kommunaler Verantwortung, sondern ein Perspektivwechsel. Vogt bleibt mitten in der Verwaltung und in einem wichtigen kommunalen Bereich – nur mit einer anderen Rolle und einem anderen Blick auf die Dinge.
Bürgermeisterin Christine Klein begrüßt den Wechsel ausdrücklich und schätzt Anja Vogt als erfahrene Verwaltungsfachfrau und Führungspersönlichkeit. „Ich freue mich, dass Anja Vogt nun Teil unseres Teams ist. Mit ihrer Erfahrung, ihrer offenen Art und ihrem klaren Blick auf Verwaltung und Organisation ist sie eine große Bereicherung für unseren Eigenbetrieb Kinderbetreuung.“
Für die 61-Jährige selbst ist die neue Aufgabe vor allem eines: eine spannende Herausforderung mit vielen unterschiedlichen Facetten. Sie bringt einen vielfältigen beruflichen „Werkzeugkasten“ mit, trifft in Bensheim auf ein erfahrenes und motiviertes Team und kann sich nun ganz auf die Weiterentwicklung der Kinderbetreuung konzentrieren.
Auch privat hat mit dem Wechsel ein neuer Abschnitt begonnen. Anja Vogt ist von Groß-Bieberau nach Schwanheim gezogen. Ihr Mann, Dr. Gerald Kunzelmann, Geschäftsführer der Hessischen Landgesellschaft mbH, stammt aus dem Bensheimer Stadtteil. Damit liegen Arbeitsplatz und Zuhause nun nah beieinander. Für den Ausgleich zum Arbeitsalltag sorgen Familie und ein gutes Stück Landleben, tierische Mitbewohner eingeschlossen.
Beruflich wartet ein abwechslungsreiches Arbeitsspektrum. Die neue Eigenbetriebsleiterin begegnet den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft mit Erfahrung, Aufgeschlossenheit und einem klaren Führungsverständnis: zuhören, Menschen einbinden, Entscheidungen gemeinsam tragen – und bei aller Arbeit den Humor nicht verlieren.
Wer sich mit der ehemaligen Rathauschefin unterhält, merkt schnell, dass sie keine Freundin inhaltsloser Floskeln ist, sondern authentisch ihre Position vertritt und verdeutlicht. Deutlich wird dabei: Wenn sie über ihre neuen Aufgaben spricht, klingt das weniger nach einem vorsichtigen Neustart als nach Vorfreude auf das, was kommt. „Langweilig wird mir bestimmt nicht“, bemerkt sie augenzwinkernd. Was eine sehr realistische und zutreffende Einschätzung sein dürfte.
