Bensheim

News aus Bensheim

Aktuelle Themen

„Elektromobilität darf nicht davon abhängen, ob jemand eine eigene Garage besitzt!“

Bensheim | 16. September 2026 Das Auto steht vor der Tür, der nächste Termin ist im Kalender, der Urlaub ist geplant. Eigentlich ganz normaler Alltag. Doch sobald es um ein Elektromobilität geht, tauchen bei vielen Menschen Fragen auf: Reicht die Batterie wirklich bis ans Ziel? Wo kann ich unterwegs laden? Was mache ich, wenn ich keinen eigenen Stellplatz habe? Und lohnt sich der Umstieg überhaupt?

Elektromobilität ist längst im Alltag angekommen. Die Zahl der Elektrofahrzeuge wächst, die Modellpalette wird größer und auch die Ladeinfrastruktur entwickelt sich weiter. Trotzdem ist die Entscheidung für ein Elektroauto für viele Menschen noch mit Unsicherheit verbunden. Welche Fragen dabei besonders häufig auftauchen, weiß Ulrich Erven aus seiner täglichen Arbeit. Er leitet die Landesinitiative „Strom bewegt“ bei der Landesenergieagentur Hessen und wird beim Informationsabend der Stadt Bensheim am Donnerstag, 24. September, um 18 Uhr im Kolpinghaus gemeinsam mit weiteren Fachleuten über aktuelle Entwicklungen und konkrete Herausforderungen der Elektromobilität sprechen.

Herr Erven, Elektromobilität ist längst im Alltag angekommen. Trotzdem gibt es noch viele Vorbehalte und offene Fragen. Was erleben Sie in Ihrer Arbeit derzeit als die größten Unsicherheiten bei Bürgerinnen und Bürgern?

Ulrich Erven: Eine der größten Hürden ist nach wie vor das gefühlte Reichweiten-Problem. Für Dabei geht es häufig gar nicht um die tatsächliche tägliche Fahrleistung. Vielmehr besteht die Sorge, eine längere Fahrt, eine Urlaubsreise oder eine ungeplante Strecke nicht zuverlässig bewältigen zu können. 71 Prozent der Verbrenner-Fahrer gaben in einer ADAC-Umfrage an, dass sie eine hohe bis sehr hohe Angst davor haben, dass die Reichweite eines E-Autos nicht für die Urlaubsfahrt ausreicht. Nur 5 Prozent der tatsächlichen E-Autofahrer teilen diese sogenannte Reichweitenangst. Wer also ein E-Auto fährt, weiß, dass die Reichweite selbst bei Urlaubsfahrten in aller Regel kein Hindernis ist (Quelle: Umfrage des ADAC Hessen-Thüringen „Mit dem E-Auto in den Urlaub – kompliziert oder kein Problem?“).

Auch Wetter und Temperatur sind keine großen Probleme mehr, die die Reichweite beeinflussen.

Ein weiterer häufiger Einwand betrifft das Laden. Warum ist das für viele Menschen noch eine so große Hürde?

Ulrich Erven: Das Laden ist für viele zunächst ungewohnt. 44 Prozent der Menschen, die sich beim nächsten Autokauf für einen Verbrenner interessieren, nennen die Ladezeit als Grund gegen ein Elektroauto. Das Tanken eines Verbrenners dauert nur wenige Minuten und ist seit Jahrzehnten vertraut. Laden wird dagegen häufig als zusätzlicher Planungsaufwand wahrgenommen.

Dabei spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Fahrzeuge haben unterschiedliche Ladeleistungen, auch die tatsächliche Ladegeschwindigkeit kann variieren. Viele Menschen wissen außerdem noch nicht genau, wie sich Ladezeiten tatsächlich berechnen lassen oder was Begriffe wie Ladekurve, Kilowatt und Kilowattstunde im Alltag bedeuten. Das kann Unsicherheit erzeugen, obwohl die tatsächliche Nutzung eines Elektroautos im Alltag oft sehr viel einfacher sein kann, als es zunächst erscheint.

Der große Unterschied: Mit dem Verbrenner muss ich zu einer Tankstelle fahren, gegebenfalls sogar Umwege in Kauf nehmen. Beim Elektro-Auto tanke ich oft dort, wo ich sowieso bin: nachts zu Hause an der Wallbox, an der Ladesäule auf dem Firmenparkplatz oder auf dem Supermarkt-Parkplatz während des großen Samstags-Einkauf.

Für viele stellt sich aber noch eine grundlegendere Frage: Was tun, wenn ich zu Hause gar nicht laden kann?

Ulrich Erven: Das ist tatsächlich ein ganz entscheidender Punkt. Für rund 60 Prozent der Menschen kommt ein Elektroauto derzeit nicht infrage, solange sie nicht zu Hause oder beim Arbeitgeber laden können. Besonders betroffen sind Mieterinnen und Mieter, Bewohnerinnen und Bewohner von Mehrfamilienhäusern sowie Menschen ohne eigenen Stellplatz oder Garage. Auch wer sein Auto ausschließlich am Straßenrand parkt, hat natürlich andere Voraussetzungen als jemand, der zu Hause über einen festen Stellplatz verfügt.

Eine besondere Herausforderung können auch Wohnungseigentümergemeinschaften darstellen, wenn es um die notwendigen Abstimmungen und Entscheidungen für eine Ladeinfrastruktur geht. Dadurch entsteht eine gewisse soziale und räumliche Trennung: Wer ein Eigenheim mit eigenem Stellplatz und vielleicht sogar einer Photovoltaikanlage besitzt, kann besonders bequem und günstig laden. Menschen in dichter besiedelten Stadtquartieren haben diese Möglichkeit häufig nicht.

Damit wird die öffentliche Ladeinfrastruktur umso wichtiger. Reicht sie bereits aus?

Ulrich Erven: Derzeit rechnerisch ja. Es gibt genügend Ladepunkte – vor allem hier in Bensheim. Wir haben hier sehr engagierte eLosten – das sind kommunale Mitarbeitende, die sich bei uns in Sachen Elektromobilität weitergebildet haben. Bestimmt kann man hier und dort noch Ladepunkte optimieren. Aber Bensheim ist wesentlich besser gerüstet als andere Kommunen.

Neben der Verfügbarkeit spielt sicherlich auch der Preis eine Rolle. Wie erleben Sie die Diskussion über die Ladekosten?

Ulrich Erven: Viele Menschen, die sich noch nicht für ein Elektroauto entschieden haben, halten vergünstigte und vor allem einheitlichere Ladestrompreise für wichtiger als eine Förderung beim Fahrzeugkauf.

Das liegt auch daran, dass die Kostenstruktur derzeit nicht immer einfach zu durchschauen ist. Zwischen dem Laden zu Hause, dem Laden an öffentlichen AC-Ladepunkten und dem Schnellladen können deutliche Preisunterschiede bestehen. Dazu kommen unterschiedliche Tarife der Betreiber, mögliche Grundgebühren und Ladekarten sowie teilweise hohe Preise beim spontanen Laden. Für viele ist deshalb schwer abzuschätzen, welche Betriebskosten tatsächlich entstehen.

Wer überwiegend öffentlich und insbesondere an Schnellladesäulen laden muss, kann dadurch einen erheblichen Teil des Kostenvorteils gegenüber Benzin oder Diesel verlieren. Transparente und nachvollziehbare Preise sind deshalb aus meiner Sicht ein wichtiger Baustein dafür, dass Elektromobilität für mehr Menschen attraktiv wird. In der Praxis helfen sich die meisten E-Autofahrer übrigens mit Apps und Ladeportalen, um möglichst günstig zu laden.

Auch um den Akku und den Wiederverkaufswert gibt es viele Diskussionen. Was steckt hinter diesen Sorgen?

Ulrich Erven: Viele Bürgerinnen und Bürger können den langfristigen Wert eines Elektroautos noch nicht sicher einschätzen. Die Lebensdauer des Akkus ist dabei ein wichtiger Punkt. Manche befürchten außerdem einen unsicheren Wiederverkaufswert oder hohe Kosten, falls es zu einem Akkuschaden kommt. Teilweise wird auch die Frage gestellt, ob die Technik bereits vollständig ausgereift ist.

Gleichzeitig gibt es Instrumente, die mehr Sicherheit schaffen können, etwa Akkugarantien oder Batteriezustandszertifikate. Auch die tatsächliche Haltbarkeit moderner Batterien spielt eine wichtige Rolle. Gerade für den Gebrauchtwagenmarkt ist es wichtig, dass der Zustand einer Batterie transparent und nachvollziehbar nachgewiesen werden kann.

Gleichzeitig befinden wir uns gerade voll im Markthochlauf der E-Mobilität: Die Zukunft ist elektrisch. Die Frage ist also, wieviel ist ein gebrauchter Verbrenner in ein paar Jahren noch wert, wenn ein Großteil der Gesellschaft elektrisch fährt?

Wie wichtig ist bei all diesen Fragen die eigene Erfahrung?

Ulrich Erven: Das spielt eine sehr große Rolle. Oft fehlt schlicht die eigene Erfahrung. Wer noch nie ein Elektroauto gefahren hat und noch nie einen Ladevorgang erlebt hat, muss sich zunächst auf Erzählungen und Informationen aus anderen Quellen verlassen. Das kann Unsicherheit verstärken.

Hinzu kommt eine sehr komplexe Informationslage. Viele Menschen können die Gesamtkosten eines Elektroautos nur schwer mit denen eines Verbrenners vergleichen. Der niedrigere Energie- und Wartungsaufwand wird beispielsweise häufig zunächst durch den höheren Anschaffungspreis überlagert.

Auch widersprüchliche Medienberichte können verunsichern. Dazu kommen komplizierte Lade- und Tarifstrukturen sowie technische Begriffe wie AC, DC, Kilowatt, Kilowattstunde oder Ladekurve. Selbst die Frage nach der Reichweite ist nicht immer so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheint, denn die Angaben nach WLTP müssen nicht zwangsläufig der tatsächlichen Reichweite im individuellen Alltag entsprechen. Eine verständliche und individuelle Beratung, schon beim Autokauf, ist deshalb besonders wichtig.

Wenn Sie mit Menschen über Elektromobilität sprechen: Welche Frage wird Ihnen besonders häufig gestellt?

Ulrich Erven: Es sind eigentlich drei Fragen, die immer wieder auftauchen: Ist das Elektroauto wirklich die Zukunft? Lohnen sich die höheren Anschaffungskosten? Und was mache ich im Urlaub?

Diese Fragen zeigen sehr schön, dass es heute weniger um die reine Technik geht. Die Menschen wollen wissen, wie Elektromobilität konkret in ihr eigenes Leben passt.

Hat sich die Diskussion über Elektromobilität in den vergangenen Jahren verändert?

Ulrich Erven: Ja, die Diskussion hat sich deutlich verändert. Sie ist heute wesentlich konkreter, wirtschaftlicher und teilweise auch kontroverser als noch vor einigen Jahren.

Zu Beginn stand häufig die grundsätzliche Frage im Mittelpunkt, ob sich Elektromobilität technisch überhaupt durchsetzen und welchen Beitrag sie zum Klimaschutz leisten kann. Diskutiert wurden vor allem Reichweite, Batterielebensdauer, Rohstoffverbrauch und die ökologische Gesamtbilanz. Elektroautos galten vielfach noch als Nischenprodukt für besonders technik- oder umweltorientierte Menschen.

Inzwischen hat sich der Schwerpunkt verschoben. Heute geht es weniger um das grundsätzliche „Ob“, sondern stärker um das „Wie“ und „Wie schnell“. Die Technik hat sich weiterentwickelt, Reichweiten sind gestiegen, Ladezeiten gesunken und die Modellvielfalt ist deutlich größer geworden.

Genau diese unterschiedlichen Perspektiven greift auch der Informationsabend in Bensheim auf. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher am 24. September?

Ulrich Erven: Der Abend soll vor allem zeigen, dass es Lösungen gibt – aber nicht unbedingt die eine Lösung, die für alle Menschen gleichermaßen passt. Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Wer im eigenen Haus mit eigenem Stellplatz lebt, hat andere Möglichkeiten als jemand, der zur Miete wohnt oder in einem Mehrfamilienhaus lebt. Und Unternehmen mit eigenen Fuhrparks stehen vor ganz anderen Fragen.

Deshalb ist es wichtig, sich die jeweilige Situation genau anzuschauen und nicht nur allgemein über Elektromobilität zu sprechen. Der Informationsabend bietet eine gute Gelegenheit, Fragen zu stellen, Unsicherheiten abzubauen und unterschiedliche Möglichkeiten kennenzulernen.

Der Informationsabend trägt den Titel „Laden ohne eigenes Haus? Elektromobilität für alle“. Was ist die Idee dahinter?

Ulrich Erven: Der Titel bringt eine zentrale Herausforderung sehr gut auf den Punkt. Elektromobilität darf nicht davon abhängen, ob jemand eine eigene Garage besitzt. Wenn Elektromobilität einen größeren Beitrag zu einer klimafreundlichen Mobilität leisten soll, müssen auch Menschen berücksichtigt werden, die nicht zu Hause laden können.

Genau deshalb ist der gemeinsame Austausch so wichtig: Unterschiedliche Ausgangssituationen erfordern individuelle Lösungen. Der Informationsabend bietet die Gelegenheit, sich verständlich und praxisnah über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren, offene Fragen zu klären und miteinander ins Gespräch zu kommen. Herr Gillessen und ich freuen uns auf Ihre Fragen und eine lebhafte Diskussion!

Hintergrund:

Die Stadt Bensheim lädt für Donnerstag, 24. September, um 18 Uhr zum Informationsabend ins Kolpinghaus, Am Rinnentor 46, ein. Organisiert wird die rund zweistündige Veranstaltung vom Team Klimaschutz, Umwelt & Energie der Stadt Bensheim. Sie richtet sich an Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen sowie politische Vertreterinnen und Vertreter. Interaktive Mentimeter-Abfragen sollen den direkten Austausch mit den Teilnehmenden ermöglichen. Ergänzend sind Infostände der LEA Hessen und der Bürgersolarberater vorgesehen.

Hintergrund des Informationsabends ist der Masterplan Klimaschutz II der Stadt Bensheim. Dieser weist den Verkehrssektor mit rund 50 Prozent als größten Verursacher von Treibhausgasemissionen in Bensheim aus. Gemeinsam mit Fachleuten möchte die Stadt deshalb Wege aufzeigen, wie klimafreundlichere Mobilität alltagsnah und wirtschaftlich gelingen kann.

Der Informationsabend soll dabei vor allem eines vermitteln: Es gibt Lösungen – aber welche passt, hängt von der jeweiligen Situation ab.

Nehmen Sie jetzt Kontakt zu uns auf!

Hier können Sie uns eine Nachricht mit Ihren Wünschen, Anregungen oder Fragen hinterlassen.

Ihre Kontaktdaten