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Niederwaldsee: Regeln gelten auch dann, wenn niemand zuschaut

Stellungnahme der Stadtverwaltung zum Kommentar im Bergsträßer Anzeiger

Bensheim | 18. September 2026 Der Niederwaldsee hat ein Problem. Das ist unbestritten. Er wird vermüllt, Vegetation wird beschädigt, neue Trampelpfade entstehen, Bäume werden in Mitleidenschaft gezogen und Menschen baden trotz eindeutiger Verbote im See.

Was bei der Diskussion darüber allerdings auffällt: Sehr schnell wird darüber gesprochen, was die Stadt dagegen tun muss. Viel zu selten darüber, wer diese Probleme eigentlich verursacht.

Die Stadt hat das Badeverbot aufgestellt, weil Baden dort schlicht gefährlich ist. Es geht nicht darum, um Menschen zu ärgern, den Niederwaldsee möglichst unattraktiv zu machen oder den Bürgerinnen und Bürgern den Aufenthalt dort zu verbieten. Der Niederwaldsee ist eben kein Badesee. Wer trotzdem ins Wasser geht, tut das nicht, weil die Stadt zu wenig erklärt hätte, was erlaubt ist. Die Schilder sind eindeutig.

Auch die anderen Verbote haben ihren Grund. Sie sollen Natur und Landschaft schützen, Schäden verhindern und Gefahren vermeiden. Wer dort grillt, Feuer macht, Müll hinterlässt, Absperrungen ignoriert, Bäume beschädigt oder sich eigene Wege durch die Vegetation bahnt, schafft genau jene Probleme, über die anschließend geklagt wird.

Das ist die unbequeme Wahrheit: Zu viele Menschen verstoßen bewusst und gewollt gegen die bestehendenRegeln, akzeptieren diese nicht. Nicht zu wenige Verbote haben daher den Niederwaldsee in diese Situation gebracht. 

Natürlich muss die Stadt kontrollieren. Natürlich muss sie einschreiten, wenn Regeln verletzt werden. Und natürlich muss sie prüfen, ob bestehende Maßnahmen ausreichen und sensible Bereiche besser geschützt werden können. Das tut sie.

Die Vorstellung, man müsse lediglich am Freitagabendund am Samstag ausreichend Kolleginnen und Kollegen an den Niederwaldsee schicken, um die dortigen Probleme zu lösen, greift deutlich zu kurz. Sie bedient allerdings ein altbekanntes und recht abgedroschenes Narrativ: Die Verwaltung arbeitet zu den falschen Zeiten, kontrolliert zu wenig und macht es sich zu einfach. Ein solches Bild ist schnell gezeichnet und findet entsprechend leicht Zustimmung – mit der tatsächlichen Aufgabenvielfalt und dem Einsatz der Stadtpolizei hat es jedoch wenig zu tun.

Aber auch hier lohnt ein Blick auf die Realität. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtpolizei sitzen nicht um 16 Uhr im Rathaus und warten auf den nächsten Arbeitstag. Sie sind auch am Abend und am Wochenende im Einsatz und führen Kontrollen durch. Gleichzeitig haben sie viele weitere Aufgaben im gesamten Stadtgebiet – die in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen haben.

Unstrittig ist: Eine Stadt kann kontrollieren. Sie kann sanktionieren. Sie kann Schilder aufstellen. Was sie nicht kann: für jeden Menschen die persönliche Verantwortung übernehmen.

Genau diese Verantwortung scheint in der öffentlichen Diskussion zunehmend aus dem Blick zu geraten. Es ist bequem, nach „dem Staat“ oder der Kommune zu rufen, wenn gegen Regeln verstoßen werden. Noch bequemer ist es, anschließend der Kommune vorzuwerfen, sie habe nicht genug kontrolliert.

Doch wo soll das enden? Soll, zugespitzt formuliert, an jedem verbotenen Zugang dauerhaft jemand stehen? Soll hinter jedem Baum ein Mitarbeiter kontrollieren, dass auch ja niemand Feuer macht? Sind wir gesamtgesellschaftlich schon so weit, dass ein Naturgewässer eingezäunt werden muss, um es vor individuellem Fehlverhalten zu schützen? 

Eine funktionierende Gesellschaft braucht nicht hinter jedem Verbotsschild einen Kontrolleur. Sie braucht Menschen, die verstehen, dass ein Verbot auch dann gilt, wenn gerade niemand hinschaut.

Und gerade beim Niederwaldsee geht es nicht um kleinkarierte Vorschriften. Es geht um Sicherheit und um den Schutz eines sensiblen Naturraums. Wer diese Regeln bewusst ignoriert, kann die Verantwortung für die daraus entstehenden Folgen nicht anschließend vollständig bei der Stadt abladen.

Die Stadt stellt sich ihrer Verantwortung. Sie wird weiter kontrollieren, Verstöße verfolgen und prüfen, welche zusätzlichen Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind. Aber sie wird auch daran erinnern dürfen, dass Verantwortung keine Einbahnstraße ist.

Der Niederwaldsee braucht deshalb nicht nur mehr Kontrollen. Er braucht ganz besonders Menschen, die sich dort so verhalten, dass Kontrollen möglichst selten nötig sind. Denn der Schutz des Niederwaldsees beginnt nicht beim nächsten städtischen Mitarbeitenden, sondern bei jedem Einzelnen, der dort seine Freizeit verbringen möchte. 

Letztlich zeichnet der Kommentar zum Niederwaldsee ein bequemes Bild: Hier die Stadt, die angeblich wegschaut, dort die Besucherinnen und Besucher, die „nur“ die Regeln übertreten. Diese Verteilung der Verantwortung greift zu kurz – und sie verkehrt die eigentliche Ursache der Probleme in ihr Gegenteil.

Das gilt auch für die im Kommentar aufgeworfene Frage, was noch passieren muss. Was passieren muss, ist zuallererst, dass die Verursacher aufhören, mutwillig Regeln zu missachten, die nicht aus Bürokratielaune entstanden sind, sondern aus gutem Grund.

Foto: Herwig Janousch

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