Bensheim | 14. September 2026 „Ich war doch nur ein paar Minuten weg.“ Die Autofahrerin deutet auf ihren Wagen und versucht zu erklären, warum sie ihn genau dort abgestellt hat. Direkt an der Festmeile, mitten im Rettungsweg. Ein blaues Kärtchen steckt trotzdem am Scheibenwischer. Die Beschilderung war eindeutig, Interpretationsspielraum somit nicht vorhanden.
„Wenn hier ein Rettungswagen oder die Feuerwehr mit der Drehleiter durch muss, können ein paar Minuten entscheidend sein“, erklären Osman Hüyük und Sachgebietsleiter Silvio Franz von der Bensheimer Stadtpolizei der Frau. Die Botschaft kommt an – zumindest scheint es so. Die Kollegen bleiben ruhig, erklären, warum die Regeln gerade an solchen Tagen wichtig sind. Ihr Ziel ist nicht, möglichst viele „Knöllchen“ zu verteilen. „Wir wenden immer das mildeste Mittel an“, betont Franz. Theoretisch hätten sie auch umgehend den Abschleppdienst rufen können. Stattdessen haben sie die Autofahrerin an einem Stand im Winzerdorf ausfindig gemacht und das Gespräch gesucht.
Es ist Winzerfest in Bensheim. Tausende Menschen sind jeden Tag in der Innenstadt unterwegs, die Stimmung ist ausgelassen, Wein gehört traditionell dazu. Dass es dabei über neun Tage hinweg grundsätzlich friedlich bleibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Für die Stadtpolizei bedeutet das allerdings keineswegs, dass es nichts zu tun gibt. Im Gegenteil: Rundgänge durch die Innenstadt gehören zum täglichen Programm.
Ein Dauerbrenner ist das Parken. An einem eher ruhigen Abend kommen schon einmal rund 50 Fahrzeuge zusammen, die falsch abgestellt wurden. Wenn besonders viel los ist, können es auch 100 sein. Besonders kritisch wird es, wenn Rettungswege blockiert werden.
Die Männer schauen dabei zunächst, ob sich der Halter oder die Halterin ausfindig machen lässt. Das ist ein zusätzlicher Schritt, den sie eigentlich nicht gehen müssten. Wer Glück hat, kommt deshalb mit dem blauen Kärtchen – dem Verwarnzettel – davon und muss nicht abgeschleppt werden.
Dass die Einsicht nicht immer groß ist, zeigt dabei eine andere Begegnung. Ein Mann bekommt einen Strafzettel, steigt in sein Auto, fährt ein Stück weiter – und stellt den Wagen um die Ecke gleich ins nächste Haltverbot.
Aus der oberen Grieselstraße und der Sandstraße hatten sich Anwohnerinnen und Anwohner über zugeparkte Kreuzungsbereiche beschwert. Der vorgeschriebene Abstand von fünf Metern wurde nicht eingehalten. Die Stadtpolizei kontrollierte dort deshalb verstärkt – und ist für solche Hinweise immer dankbar. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, entsprechende Verkehrsverstöße über die Website der Stadt Bensheim mittels Privatanzeigen zu melden.
Noch häufiger als über falsch geparkte Autos ärgern sich Anlieger über ein anderes, weitaus unappetitlicheres Problem: Wildpinkler. Dunkle Hauseingänge oder Mauern werden zum vermeintlichen Open-Air-WC, obwohl auf dem Festgelände ausreichend Toiletten zur Verfügung stehen. Wer beim Erleichtern erwischt wird, muss mit einem Bußgeld in Höhe von mindestens 100 Euro rechnen.
Überhaupt begegnen die beiden Stadtpolizisten auf ihren Runden den unterschiedlichsten Menschen und Situationen. Sie werden durchaus nach dem Weg zur nächsten Toilette gefragt, aber ebenso nach dem nächsten Zug, helfen bei Fragen weiter oder geben Auskunft, wenn jemand in der dicht bevölkerten Innenstadt nicht mehr weiß, wo es langgeht. Die Stadtpolizei ist beim Fest wie auch im Alltag häufig eines der sichtbarsten Gesichter der Stadtverwaltung – und damit für viele Menschen der erste Ansprechpartner.
Manchmal ist dieser Kontakt allerdings weniger freundlich. Die Kollegen erleben auch verbale Aggressionen und werden immer wieder mit Alltagsrassismus konfrontiert. Ihre Reaktion bleibt professionell: „Ich mache nur meinen Job“, verdeutlicht Osman Hüyük.
Genau darin liegt ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Die Stadtpolizei ist nicht nur dafür da, Regeln durchzusetzen. Sie soll für Sicherheit sorgen, Gefahren abwehren und Situationen möglichst früh entschärfen. Reden, erklären, vermitteln – wenn das ausreicht, ist das besser als eine Sanktion.
Gesprächsbedarf gibt es regelmäßig auch beim Thema E-Scooter. Dass zwei Personen gemeinsam auf einem Roller unterwegs sind, ist nicht erlaubt. Vielen ist das nicht bewusst – ebenso wenig wie das Unfallrisiko. Beim Rundgang durch die Fußgängerzone wird kurz vor dem Winzerdorf ein Jugendlicher angehalten. Auch er weiß nicht, dass das Fahren hier verboten ist. Es bleibt bei einer Erklärung.
Nicht jede Situation lässt sich allerdings so unkompliziert lösen. In der Nacht zuvor etwa torkelte in der Neckarstraße ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann auf die Fahrbahn. Als er den Einsatzwagen der Stadtpolizei sah, stellte er sich kurzerhand vor die Motorhaube und legte die Hände auf das Fahrzeug. Offenbar wollte er sich „verhaften lassen“. Die Kollegen taten ihm den Gefallen natürlich nicht. Sie kümmerten sich stattdessen um den Mann.
Besonders am letzten Winzerfest-Wochenende waren nach Einschätzung der Stadtpolizei viele Menschen unterwegs, die deutlich mehr Alkohol getrunken hatten, als ihnen guttat. Dass daraus nicht automatisch größere Zwischenfälle entstehen, ist auch ein Verdienst derjenigen, die auf den Straßen und Plätzen präsent sind.
Dabei hat sich das Berufsbild der Stadtpolizei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich verändert. Früher gab es im Ort den Feldschutzmann, der unter anderem darauf achtete, dass niemand unerlaubt Obst von den Bäumen pflückte. Heute besteht das Team aus zwölf Kollegen. Allein in den vergangenen zehn Jahren kamen sieben Mitarbeitende hinzu.
Der Grund dafür liegt nicht allein in der Verkehrsüberwachung. Das Aufgabenspektrum ist deutlich größer geworden: Gefahrenabwehr gehört dazu, ebenso Ermittlungen bei illegalen Müllablagerungen, die Unterstützung von Feuerwehr und Rettungsdiensten bei Einsätzen oder die Absicherung von Veranstaltungen. Auch von der Landespolizei wurden in den vergangenen Jahren zunehmend Aufgaben übernommen.
Die Mitarbeiter der Stadtpolizei haben dabei weitreichende Befugnisse, die denen der Landespolizei entsprechen. Sie können Fahrzeuge anhalten und kontrollieren und Personen festhalten. Für die Bürgerinnen und Bürger ist davon im Alltag oft wenig zu spüren. Sichtbar wird die Arbeit vor allem dann, wenn etwas nicht funktioniert, jemand Regeln missachtet oder eine Situation aus dem Ruder zu laufen droht.
Ein wichtiger Faktor im Team ist dabei seine Vielfalt. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, sozialen Erfahrungen und Altersgruppen bringen unterschiedliche Perspektiven in die tägliche Arbeit ein. Das stärkt die interkulturelle Kompetenz und hilft, die Lebensrealitäten verschiedener Bevölkerungsgruppen besser zu verstehen.
Gerade in Situationen, in denen Vertrauen entscheidend ist, kann das ein großer Vorteil sein. Sprachliche und kulturelle Unterschiede lassen sich leichter überbrücken, Missverständnisse können vermieden und Kontakte besser hergestellt werden. Denn auch das gehört zur Arbeit der Stadtpolizei: Sie sollen nicht gegen die Menschen arbeiten, sondern für sie. Ihr Ziel ist ein funktionierendes und sicheres Miteinander in Bensheim.
Sicherheit beginnt manchmal mit einem Gespräch. Und manchmal eben mit einem blauen Kärtchen an der Windschutzscheibe oder Aufklärungsarbeit, warum es keine gute Idee ist, nachts ohne Licht am Fahrrad unterwegs zu sein.
Für die Zukunft soll die Arbeit des Teams zudem durch Bodycams unterstützt werden. Die Anschaffung ist in Planung. Die Kameras sollen vor allem präventiv wirken und dabei helfen, Situationen gar nicht erst eskalieren zu lassen. Die Erfahrung zeigt: Wer sich selbst im Display der Kamera sieht, wird mitunter schneller daran erinnert, dass sein aggressives Verhalten gerade dokumentiert wird. Gespeicherte Aufnahmen können darüber hinaus helfen, Sachverhalte später zu klären oder in rechtlichen Verfahren als Beweismittel zu dienen.
Für Sachgebietsleiter Silvio Franz steht bei alldem ein Gedanke über allem: „Ich möchte, dass die Kollegen nach ihren Einsätzen sicher nach Hause kommen.“
Das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe der Stadtpolizei – hinter all den „Knöllchen“, Kontrollen und Gesprächen: dafür zu sorgen, dass Menschen sicher feiern können. Und dass diejenigen, die währenddessen für Sicherheit sorgen, am Ende des Tages ebenfalls wieder gesund nach Hause kommen.
