Bensheim | 24. Juli 2026 Es ist ein geschichtsträchtiges Ensemble in bester Lage, direkt am Marktplatz. Fünf miteinander verschmolzene Gebäude, die auf einem labyrinthartigen Kellergewölbe aus dem Mittelalter stehen. Das ehemalige Kaufhaus Krämer besitzt daher nicht nur städtebauliches Potenzial, seine Wiederbelebung stellt auch für erfahrene Architekten und Investoren eine spannende Aufgabe dar.
Die Marketing- und Entwicklungsgesellschaft Bensheim mbH (MEGB) hat jetzt den Investorenwettbewerb für das markante Gebäudeensemble zwischen Hauptstraße, Bahnhofstraße und Schuhgasse gestartet. Gesucht werden Investoren, die das historische Ensemble mit einem überzeugenden Nutzungskonzept revitalisieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Innenstadt leisten.
Das frühere Kaufhaus gehört zu den markantesten Gebäuden Bensheims. Es verbindet Gebäudeteile aus verschiedenen Jahrhunderten – von mittelalterlichen Gewölbekellern bis zu Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert – und prägt das Stadtbild an einer der zentralsten Lagen der Innenstadt. In den vergangenen Jahren hat das Ensemble jedoch bekanntermaßen zunehmend an Nutzungsintensität verloren. Große Teile der Obergeschosse stehen leer, der bauliche Zustand macht eine umfassende Sanierung erforderlich.
Der Entscheidung für den Investorenwettbewerb gingen umfangreiche Planungen und Untersuchungen voraus. Diese haben gezeigt, dass die Revitalisierung des Ensembles mit einem sehr hohen Investitionsvolumen verbunden ist. Um das Projekt wirtschaftlich tragfähig umzusetzen und die Risiken zu begrenzen, hat sich die MEGB entschieden, einen Investor für die Entwicklung des Areals zu suchen.
Mit dem Wettbewerb möchte die MEGB nun einen Partner finden, der das Gebäude nicht nur saniert, sondern ihm auch eine langfristig tragfähige Perspektive gibt. Ziel ist es, die Innenstadt dauerhaft zu stärken und neue Impulse für Handel, Gastronomie, Dienstleistungen und Wohnen zu schaffen. Das Nutzungskonzept soll dazu beitragen, mehr Frequenz und Aufenthaltsqualität im Herzen Bensheims zu erzeugen. Der Verkauf ist dabei an verbindliche Fristen geknüpft: Der künftige Eigentümer verpflichtet sich, innerhalb von drei Jahren nach Zuschlag den Bauantrag einzureichen, spätestens zwei Jahre nach Erteilung der Baugenehmigung mit der Revitalisierung zu beginnen und diese innerhalb von fünf Jahren nach Baubeginn abzuschließen.
Interessierten Investoren werden dabei bewusst Gestaltungsspielräume eröffnet. Möglich sind Wohnungen, Einzelhandel, Gastronomie, Büro- und Dienstleistungsflächen oder moderne Mischnutzungen. Besonders erwünscht sind Konzepte, die die Erdgeschosszonen wieder mit publikumswirksamen Angeboten beleben und das Quartier auch über die klassischen Ladenöffnungszeiten hinaus attraktiv machen.
Der Wettbewerb beschränkt sich dabei nicht auf den Kaufpreis. Bewertet werden unter anderem die Qualität des Nutzungskonzepts, der Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz, die Gestaltung der Erdgeschosse, Nachhaltigkeitsaspekte sowie die Umsetzbarkeit des Projekts. Der Kaufpreis fließt zwar mit 35 Prozent in die Bewertung ein, insgesamt entscheidet jedoch das wirtschaftlichste Gesamtangebot aus Preis und Qualität. Der Mindestkaufpreis beträgt 1,55 Millionen Euro.
Die beiden Gebäude an der Hauptstraße und der Bahnhofstraße stehen unter Denkmalschutz und müssen in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde denkmalgerecht saniert werden. Gleichzeitig bietet insbesondere der Gebäudeteil in der Schuhgasse zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten. Insgesamt stehen rund 1.700 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche zur Verfügung, davon allein rund 500 Quadratmeter im Erdgeschoss.
Bürgermeisterin Christine Klein sieht im Start des Wettbewerbs einen wichtigen Meilenstein für die Innenstadtentwicklung: „Das ehemalige Kaufhaus Krämer ist weit mehr als eine Immobilie – es ist ein Stück Bensheimer Stadtgeschichte. Wir suchen deshalb nicht einfach einen Käufer, sondern einen Partner mit einer überzeugenden Vision für diesen besonderen Ort. Wer hier investiert, gestaltet die Zukunft unserer Innenstadt aktiv mit.“
Auch die Geschäftsführerin der MEGB, Michaela Kemmeter, betont die Chancen des Projekts: „Die Kombination aus historischer Bausubstanz, bester Innenstadtlage und großen Gestaltungsmöglichkeiten macht dieses Projekt außergewöhnlich. Wir freuen uns auf kreative und wirtschaftlich tragfähige Konzepte, die dem Gebäude neues Leben einhauchen und einen echten Mehrwert für die Innenstadt schaffen. Mit dem Investorenwettbewerb haben wir uns bewusst für ein transparentes Verfahren entschieden, das unterschiedlichen Akteuren die Chance gibt, ihre Ideen einzubringen. Uns geht es nicht nur darum, einen Käufer zu finden, sondern die beste und nachhaltig tragfähige Lösung für diesen besonderen Ort zu identifizieren.“
Interessierte Investoren können ihre Angebote bis zum 31. August 2026, 12 Uhr, über die Website des Deutschen Vergabeportals einreichen. Vorab besteht die Möglichkeit, das Gebäude im Rahmen einer Ortsbesichtigung kennenzulernen und Fragen zum Verfahren zu stellen.
Die Kaufhaus-Geschichte:
Den Grundstein für das jahrzehntelang erfolgreiche Kaufhaus im Bensheimer Zentrum legte Anschel Reiling, der 1857 ein Geschäft in der Hauptstraße 24 eröffnete.
Die Witwe des jüdischen Kaufmanns, Elise Neugaß, kaufte 1876 das Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäftshaus von Georg Krausser an der Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße und verlegte das Geschäft dorthin – es war die Geburtsstunde des Kaufhauses Reiling.
Das Sortiment war breit aufgestellt, von Herren- und Damenbekleidung über Pelze, Möbel bis hin zu Gardinen reichte die Warenvielfalt. Zudem betrieben die Söhne des Gründers, Lazarus und Daniel Reiling, ein kleines Bankgeschäft.
1911 kam schließlich Professor Heinrich Metzendorf ins Spiel. Er wurde von der Familie mit dem Um- und Erweiterungsbau beauftragt – das Ergebnis lässt sich heute noch unter anderem an der flexiblen Nutzung der Räumlichkeiten und den markanten Rundbogenfenstern ablesen.
Als innovativ gilt damals wie heute der Erweiterungsbau entlang der Bahnhofstraße, den Metzendorf in Anlehnung an die großen Kaufhäuser in Berlin, München und Paris gestaltet.
1929 stellte die Familie Reiling den Kaufhausbetrieb schließlich ein. Nach der Aufgabe des Geschäfts zog die Familie von Artur Reiling nach Zwingenberg und emigrierte von dort aus.
Später übernahm das seit 1909 bestehende Kaufhaus Blüm & Krämer das Gebäude an der Ecke Marktplatz/Bahnhofstraße. Es wurde seit 1936 von Wilhelm Krämer und seiner Frau Auguste, geborene Ebling, geführt.
Nach dem Tod des Ehepaars Krämer leitete Richard Ebling den Betrieb gemeinsam mit Hans Emig, der 1964 ausschied.
Richard Eblings Sohn Hans trat 1970 in den elterlichen Betrieb ein. Er führte das Kaufhaus bis zur Schließung aus wirtschaftlichen Gründen im Jahr 2003.
2018 kaufte die städtische Marketing- und Entwicklungsgesellschaft Bensheim (MEGB) das denkmalgeschützte Ensemble, abgesegnet durch einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung.



