Bensheim. Manchmal beginnt Hilfe mit einem Formular, manchmal mit einem Arzttermin – und manchmal schlicht mit dem Gefühl, dass jemand da ist, der zuhört und sich Zeit nimmt. In Bensheim stehen Zugewanderten dafür seit Juli zwei weitere ehrenamtliche Ansprechpersonen zur Seite: Janna Galinger und Sadiqullah Tahirzai haben erfolgreich an der hessenweiten Online-Basisqualifizierung für WIR-Integrationslotsinnen und -lotsen teilgenommen. Nach 32 Unterrichtseinheiten, die von April bis Juni stattfanden, erhielten sie nun ihre Zertifikate.
Damit wächst das Bensheimer Integrationslotsenteam um zwei Menschen, die selbst unterschiedliche Erfahrungen mit dem Ankommen in Deutschland gemacht haben – und genau daraus ihre Motivation für das Ehrenamt schöpfen.
„Wir sind dankbar für das Engagement unserer neuen WIR-Integrationslotsinnen und -lotsen und freuen uns sehr, dass unser Team nun durch zwei weitere engagierte Menschen verstärkt wird“, betont Natalia Rathke, Koordinatorin des Bensheimer Integrationslotsenprojekts.
Wenn ein Arztbesuch zur Herausforderung wird
Für Janna Galinger ist die Unterstützung bei medizinischen Fragen ein besonderer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Sie lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland und arbeitet als Medizinische Fachangestellte in einer Praxis. Zuvor absolvierte sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Ihr medizinisches Fachwissen bringt sie nun in ihre ehrenamtliche Tätigkeit ein.
Sie begleitet Zugewanderte unter anderem zu Arztbesuchen, unterstützt bei der Kommunikation mit medizinischen Einrichtungen und hilft beim Verständnis von Schreiben und Unterlagen. Gerade im medizinischen Bereich können sprachliche Hürden besonders belastend sein. Fachbegriffe, komplizierte Erklärungen oder die Angst vor einer Untersuchung können dazu führen, dass wichtige Informationen nicht verstanden werden.
Galinger kennt die Unsicherheit des Ankommens aus eigener Erfahrung. Als sie 2004 nach Deutschland kam, musste sie vieles ohne Unterstützung bewältigen. Technische Hilfsmittel wie Übersetzungsprogramme oder KI standen damals nicht zur Verfügung. Diese Erfahrung ist bis heute ein wichtiger Teil ihrer Motivation.
„Ich möchte Menschen nicht nur beim Übersetzen unterstützen, sondern ihnen vor allem Sicherheit geben“, betont Janna Gallinger und ergänzt: „Gerade bei einem sensiblen Thema wie einem Arztbesuch ist es wichtig, Ängste zu nehmen und medizinische Informationen so zu vermitteln, dass sie auch in einfacher Sprache verstanden werden können“. Ihr medizinischer Hintergrund ist dabei eine besondere Bereicherung, die auch Ruben Zillig anspricht. Der Teamleiter für Soziales und Integration hebt diese Verbindung von Sprache, medizinischem Fachwissen und Einfühlungsvermögen hervor. „Die Tätigkeit der Integrationslotsinnen und -lotsen geht weit über das reine Übersetzen hinaus“, macht Zillig deutlich.
Ein weiterer Schwerpunkt von Galingers Arbeit sind die Menschen, die in den städtischen Unterkünften leben. Sie besucht die Unterkunft regelmäßig und steht den Bewohnerinnen und Bewohnern bei Fragen und Anliegen zur Seite. Neben Deutsch spricht sie Russisch.
Dass sie heute selbst als Integrationslotsin tätig ist, hat auch mit einer persönlichen Begegnung zu tun. Im Vorfeld sei sie zunächst unsicher gewesen und habe Zweifel gehabt, ob sie der Aufgabe gewachsen ist. Beim ersten Kontakt mit Natalia Rathke habe sie dann aber die notwendige Sicherheit gewonnen. „Ohne Frau Rathke wäre ich vielleicht gar nicht Integrationslotsin geworden“, schildert Galinger sinngemäß. Die persönliche Ermutigung habe ihr das gute Gefühl gegeben, diese Aufgabe übernehmen zu können.
Aus eigener Erfahrung anderen den Weg erleichtern
Auch Sadiqullah Tahirzai weiß, wie viele Fragen und Unsicherheiten mit einem neuen Leben in Deutschland verbunden sein können. Der Afghane lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Zuvor studierte er Betriebswirtschaftslehre in Südkorea. Er spricht mehrere Sprachen und unterstützt als WIR-Integrationslotse unter anderem beim Ausfüllen von Formularen, bei Behördengängen und bei der Kommunikation mit Einrichtungen und Organisationen.
Besonders engagiert er sich für die Bewohnerinnen und Bewohner der großen städtischen Unterkunft. Dort kommen Menschen mit Fragen und Problemen auf ihn zu, die sie teilweise schon längere Zeit beschäftigen.
Seine eigene Geschichte hat ihn für diese Aufgabe sensibilisiert. Bei seiner Ankunft in Deutschland habe er gemeinsam mit seiner Familie selbst zahlreiche Herausforderungen erlebt. Unterstützung erhielt er damals von einer Frau aus Lampertheim, wo Tahirzai wohnt. Diese Erfahrung hat ihn nach eigenen Worten dazu motiviert, sich zunächst bei der Caritas ehrenamtlich zu engagieren und später auch die Aufgabe als Integrationslotse zu übernehmen.
„Mir bereitet es Freude, Lösungen für konkrete Probleme zu finden“, so Tahirzai. „Wenn Menschen aus den Unterkünften mit einem Anliegen zu mir kommen und ich ihnen weiterhelfen kann, ist das ein gutes Gefühl“.
Sein Einsatz reicht dabei über die Beratung in den Unterkünften hinaus. Jeden Donnerstag ist Tahirzai beim Interkulturellen Café im Mehrgenerationenhaus anzutreffen. Dort können sich Ratsuchende mit ihren Fragen an ihn wenden. Einen Schwerpunkt bildet auch hier die Unterstützung bei der Korrespondenz mit Behörden und anderen Stellen.
Seit 2009 ein fester Bestandteil in Bensheim
Für die Stadt Bensheim sind die beiden neuen Lotsen eine wichtige Verstärkung eines bereits seit vielen Jahren bestehenden Angebots. Seit 2009 verfügt Bensheim über ein Integrationslotsenprojekt. Insgesamt wurden seitdem rund 70 Integrationslotsinnen und -lotsen ausgebildet, etwa 30 von ihnen sind derzeit im Einsatz.
Integrationsbeauftragter Manfred Forell würdigte die Bedeutung des Engagements: „Die Integrationslotsinnen und -lotsen sind eine wichtige und bereichernde Unterstützung für Menschen, die in Bensheim eine neue Heimat suchen. Sie geben Orientierung und erleichterten den Zugang zu den Angeboten und Einrichtungen vor Ort“. Zugleich dankte er Natalia Rathke sowie den beiden neuen Lotsen für ihren besonderen Einsatz.
Dem schloss sich auch Ruben Zillig an und verwies auf die weiterhin hohe Nachfrage nach Unterstützung. „Bei uns gehen regelmäßig Anfragen von Geflüchteten ein, die Orientierung und Unterstützung bei der Ankunft und dem Einleben in Bensheim benötigen. Deshalb steigt auch der Bedarf an Integrationslotsinnen und -lotsen weiter. Wir sind daher für alle, die sich einbringen, sehr dankbar.“
Besonders beeindrucke ihn, dass Tahirzai bereits nach nur fünf Jahren in Deutschland selbst Verantwortung für andere übernehme und sich in hohem Maße ehrenamtlich engagiere. Für seine Einsätze fahre er zudem eigens zweimal pro Woche von Lampertheim nach Bensheim.
Offene Sprechstunde donnerstags im Mehrgenerationenhaus
Organisiert werden die Einsätze der WIR-Integrationslotsinnen und -lotsen über die Koordinationsstelle von Natalia Rathke. Ratsuchende können sich darüber hinaus auch direkt an die Lotsinnen und Lotsen wenden.
Eine offene Sprechstunde findet jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr im Rahmen des Interkulturellen Cafés im Mehrgenerationenhaus, Klostergasse 5a, statt. Dort können Menschen unkompliziert mit ihren Anliegen vorbeikommen und Unterstützung erhalten.
Die Stadt Bensheim bedankt sich in diesem Zusammenhang bei den Organisatorinnen und Organisatoren des Begegnungsortes, insbesondere bei Denis Bork von der Koordinationsstelle Asyl und Ehrenamt, für die Möglichkeit, dass die Integrationslotsinnen und -lotsen dort ihre Sprechstunde anbieten können.
Die bisherigen Sprechstunden im Integrationszentrum wurden von Ratsuchenden nur wenig genutzt. Deshalb können individuelle Beratungstermine künftig über die Koordinationsstelle vereinbart werden. Gleichzeitig bleibt die offene Sprechstunde donnerstags im Mehrgenerationenhaus als niedrigschwellige Anlaufstelle bestehen.
Ehrenamtliche Brückenbauerinnen und Brückenbauer
Die WIR-Integrationslotsinnen und -lotsen sind seit 2005 in Hessen aktiv. Als ehrenamtliche Brückenbauer helfen sie Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung dabei, sprachliche und alltägliche Hürden zu überwinden, Orientierung zu finden und Zugang zu bestehenden Angeboten und Einrichtungen zu erhalten. In Hessen gibt es inzwischen mehr als 55 WIR-Integrationslotsenprojekte mit mehr als 1.100 aktiven Integrationslotsinnen und -lotsen.
In Bensheim zeigt sich diese Arbeit häufig dort, wo die großen Fragen des Ankommens ganz konkret werden: bei einem Brief, dessen Inhalt unverständlich ist, bei einem Behördentermin, dessen Ablauf unklar bleibt, oder bei einem Arztbesuch, der mit Sorgen und Unsicherheit verbunden ist.
Janna Galinger und Sadiqullah Tahirzai bringen dafür nicht nur Sprachkenntnisse und unterschiedliche berufliche Erfahrungen mit. Sie kennen auch die Erfahrung, selbst einmal neu in Deutschland gewesen zu sein. Vielleicht ist genau das eine ihrer wichtigsten Stärken: Sie wissen, dass Orientierung nicht selbstverständlich ist – und dass manchmal schon die Begegnung mit einem Menschen, der zuhört und weiterhilft, einen entscheidenden Unterschied machen kann.


